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“I Think it’s Worth More, and I Would Have Done it for Less”

Noah E. Davis schreibt bei “The Awl” über den aktuell meist zum Scheitern verdammten Versuch, mit Onlinejournalismus Geld zu verdienen – sowohl als Freier Journalist als auch als Website: “I Was Paid $12.50 An Hour To Write This Story”. In der Folge leide die Qualität auch des auf den ersten Blick professionellen Journalismus, weil er häufig von Amateuren betrieben wird, so Davis.

Schlüssig ist seine These, dass – vor allem in den USA – ein Mechanismus fehlt, die Spreu vom Weizen zu trennen. Oder in seinen Worten: Wie wird ausgewählt, wer Amateur bleibt und wer seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben verdienen kann? Davis zitiert Alana Newhouse vom “Tablet Magazine”:

“I’m less concerned with lots of people trying to be writers than I am about an industry that doesn’t know how to distill out who’s good and who’s bad, in part because there are so many open doors but more because a lot of outlets either closed or lost their moorings,” said Newhouse. “I think that’s okay for right now. What I’m hoping is that in the next five years you’re going to see some of those doors close but, more importantly, others—including some of the more established outlets—turning themselves into, or back into, powerful entities that can actually help writers become writers. That’s a challenge for the adults in the room. But that’s not a challenge for kids right out of college.”

Die Diskussion findet in den USA noch ausgeprägter statt als in Deutschland. Dankenswerterweise erzählt Davis nicht nur, wie er sich seinen Weg durch die US-Medienlandschaft emporschreibt, sondern legt auch offen, welches Medium ihn überhaupt und wie bezahlt hat. Er kommt über die Runden, doch mehr schlecht als recht. Entlarvend ist ein Zitat von Ken Doctor über das Leben und Schreiben von einem Auftrag zum nächsten:

“That’s what a lot of journalists did pre-World War II. They worked two or three different jobs. They were contractors of one kind or another. Clearly, it’s going in that direction.”

Der Text ist lesenswert. Und am Schluss gibt es noch eine interessante Theorie darüber, wie man im Nachkriegs-Hamburg zum Unternehmer geworden sein könnte.

Gefunden in den Must-reads of the week beim Columbia Journalism Review.

Simone Janson: Was können Verlage von freien Autoren lernen?

Berufebilder-Gründerin Simone Janson hat für unseren Sammelband “Journalismus in der digitalen Moderne” notiert, was Verlage von freien Journalisten lernen können. Den spannenden Text gibt es bei Carta.

Universalcode

Noch ein Projekt, das aus gutem Grund auf Papier und im Netz parallel existiert. Universalcode – Journalismus im digitalen Zeitalter ist das Eierlegende-Wollmilchsau-Lehrbuch zum digitalen Journalismus. Zwanzig Autoren unter der Leitung von Christian Jakubetz, Ulrike Langer und Ralf Hohlfeld kümmern sich um verschieden Aspekte des wie auch immer netzigen Journalismus, geben handwerkliche Betriebsanleitungen, machen sich Gedanken zum gewandelten Berufsbild und stellen relevante Ausbildungsstätten vor. Bewusst ausgespart wird alles, was das grundlegende Handwerk des Journalismus angeht, das sich auch im Netz nicht geändert hat, also z. B. die Textgattungen oder das Schlagzeilenmachen.

Verlegt wird das Buch bei euryclia, einem Kleinverleger, der die Subskription zur Verwirklichung von Buchprojekten anbietet. Erst wenn eine kritische Masse an Interessenten sich verpflichtet hat, das noch nicht fertige Werk auch zu kaufen, wird das Buch tatsächlich gedruckt. Dann ist es aber überall verfügbar, wo man mit ISBN umgehen kann.

Mediactive

Ein Buch, ein eBook, eine Website, ein Projekt. Dan Gillmor, US-Journalist-Unternehmer-Dozent beschäftigt sich erneut mit der Zukunft des Journalismus. Seine These ist, dass möglichst viele Menschen mediactive sein sollten. Nicht jeder müsse Journalist sein, doch je mehr Bürger wüssten, was Journalismus ausmache, desto besser werde die Zukunft des Journalismus sein. Heute produziere schließlich nahezu jeder Mensch mit Internetanschluss Medien, von denen ein guter Teil durchaus den Ansprüchen an Journalismus gerecht werde.

Gillmor schildert die Journalismus ausmachenden Prinzipien, führt technische Voraussetzungen ein, wirft einen Blick auf die (US-amerikanische) Medienlandschaft. Vor allem aber betont er wieder und wieder die einfachen, aber notwendigen handwerklichen Voraussetzungen für glaubwürdigen Journalismus. Schließlich skizziert er, wie der Journalismus durch Unternehmerlust gerettet werden könnte.

Das gedruckte Buch (bei Lulu.com unter Creative-Commons-Lizenz verlegt) ist nur der Ausgangspunkt eines weitergehenden Projektes. Das eBook ist gespickt mit Links, Buch wie eBook sollen regelmäßig aktualisiert werden. Auf der Website mediactive.com ist das Buch komplett hinterlegt, aufgeteilt in bildschirmgerechte Häppchen und mit der deutlichen Aufforderung zu kommentieren. Dort finden sich neben den Prinzipien (für Konsumenten und für Medienschaffende) auch die Quellen, die ebenfalls regelmäßig aktualisiert werden sollen.

Journalismus 2020

Perspektiven für den Journalismus in der digitalen Moderne wollen wir bieten. Im Policy Brief genannten Destillat aus einem Jahr Projektarbeit stellen wir unsere Ideen für die Zukunft des unabhängigen und ressourcenstarken Journalismus vor. Wir, das sind die Associates der Berliner Stiftung Neue Verantwortung, eines Think Tank, der uns 2010/2011 für ein Projekt zur “Zukunft des Journalismus” eingeladen hat.

Mitgemacht und mitgeschrieben haben unter der Leitung von Leonard Novy (Institut für die Wissenschaft vom Menschen, Wien) Sven Böll (SPIEGEL), Leif Kramp (Universität Bremen), Stefan Leifert (ZDF), Florian Meyer-Hawranek (freier Journalist), Björn Schmidt (Axel Springer Verlag), Dominic Schwickert (IFOK) und Karsten Wenzlaff (Institut für Kommunikation in sozialen Medien, Berlin). Und ich.

Dass eine demokratische Öffentlichkeit Journalismus braucht, bedeutet noch nicht automatisch, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen guten Journalismus ermöglichen. Vor allem der Printbereich hat in den vergangenen Jahren unter Finanzierungsproblemen gelitten. Im Policy Brief veruschen wir zu ergründen, mit welchen Ideen auch in Zukunft Journalismus möglich sein wird.

Das 12-seitige PDF-Dokument gibt’s bei der Stiftung Neue Verantwortung zum Download.